Das Tanzorchester Astoria aus Neugersdorf

Das Tanzorchester Astoria aus Neugersdorf, 1959 während einer Konzertreise in Wien.
Das Tanzorchester Astoria (Neugersdorf), 1959 während einer Konzertreise in Wien.
(Foto: Richard Peter jun.)

Das Tanzorchester Astoria wurde 1955 in Neugersdorf (bei Görlitz) gegründet. Die Bigband bestand anfangs aus 14 Musikern: der Rhythmusgruppe, fünf Saxofonen (darunter ein Baritonsaxofon), drei Posaunen und drei Trompeten. Kapellenleiter war bis 1965 der Pianist Wolfgang Erhard Israel (1925-1985).

Die Kapelle bespielte anfangs die Tanzsäle zwischen Görlitz und Dresden, später im gesamten Gebiet der DDR. 1958 gewann Astoria einen Tanzkapellenwettbewerb in Dresden und wurde daraufhin im Berliner Rundfunk und im Programm Radio DDR promotet (beide 1959). Auch im noch jungen Fernsehen der DDR konnte die Kapelle auftreten, im Laufe der Jahre über 40 mal. Der Rundfunk produzierte mit Astoria über 70 Live-Sendungen und über 1000 Titel. Dabei handelte es sich überwiegend um eigene Arrangements fremder Kompositionen, vor allem von DDR-Autoren.

Der Stil der Kapelle orientierte sich in den 1950ern und 60ern an großen Swingorchestern der USA. Die Musiker spielten auch improvisierte Soli, für die damalige Zeit etwas Besonderes: Es gab in der DDR (und der BRD) noch keine entsprechende Ausbildung und im Osten nur wenig Kontaktmöglichkeiten mit US-amerikanischen Bands und Musikern.

Der Karriere des Tanzorchesters Astoria in der DDR und im sozialistischen Ausland war sicher nicht abträglich, dass die Musiker versuchten, das kulturpolitische Credo des Sozialistischen Realismus zu verinnerlichen. Dazu gehörte die Orientierung am nationalen und volksmusikalischen »Erbe«. 1965 beispielsweise erhielt das Orchester eine Urkunde »für besondere Verdienste bei der Entwicklung und Popularisierung zeitgenössischer sorbischer Tanz- und Unterhaltungsmusik« für seine einschlägigen Musikproduktionen mit dem Sender Cottbus (Radio DDR).

Hier können Sie sich ein Hörbild von der frühen Kapelle Astoria machen: Ein Porträt aus dem Jahr 1959, produziert und gesendet von Radio DDR. Es besteht aus sechs Titeln, mit Moderation und einem kleinen Interview mit dem Leiter Wolfgang Erhard Israel. Die Titel stammen entsprechend der damaligen kulturpolitischen Strategie fast ausschließlich von DDR-Komponisten und Autoren. Einzig die Komposition Sonny Boy (Henderson/De Sylva/Brown, ein früher Swing-Hit aus den 1920er Jahren) ist dem internationalen Repertoire entnommen, bezeichnenderweise ohne Nennung der Namen und Herkunft der Autoren.

Digitalisat einer Tonbandproduktion von Radio DDR mit dem Tanzorchester Astoria, 1959, 25:20 Minuten, Inhalt u.a.: Boogie für dich (Penndorf), In der Nacht (Oppenheimer), Die Nacht (Petr), Ja ja, die Frauen (Hugo), Sonny Boy (Henderson/De Sylva/Brown), Schwarz auf Weiß (Kretzschmer). Solisten: Irmgard Haase, Hans Innemann.

Das Archiv für Populäre Musik im Osten dankt Herrn Dr. Siegfried Israel (Dresden) und Frau Ursel Trieb (Neugersdorf) für die Schenkung von Teilen des Nachlasses des Tanzorchesters Astoria, u.a. handschriftliche Arrangements, Musikproduktionen, Plakate, Fotos und Vertragsdokumente.

Klaus Herkner hat auf seiner Website ebenfalls das Tanzorchester Astoria porträtiert. Lesenswert sind außerdem die dort veröffentlichten Beiträge über den Nachkriegsjazz in Görlitz.

»Jazz auf!« Eine Geschichte der Freiberger Jazztage

Freiberger Jazzquintett März 1976
Freiberger Jazzquintett März 1976, Foto: Gunther Galinsky

Free Jazz war einmal ein populäres Musikgenre. Zumindest was die DDR und die 1970er bis frühen 1980er betrifft. Jugendliche und junge Erwachsene aller Bildungsschichten pilgerten regelmäßig zu Festivals in die Provinz (das brandenburgische Peitz war der Leuchtturm), um diesen schrillen Klängen und Ausdrucksweisen zu frönen.

Diese ungewöhnliche Allianz zwischen breiterem Publikumsgeschmack und sperrigen Konsumgütern mutet heute seltsam an. Wenn man das Hören und Spielen von Free Jazz als sublime Herrschaftskritik in einer Diktatur interpretiert, ist wahrscheinlich schon einer der Gründe für diese Popularität gefunden.

Auch die Stadt Freiberg ist einer dieser Pilgerorte gewesen und besitzt noch heute etwas Kostbares: Eines der ältesten Jazzfestivals im Osten Deutschlands, welches im April zum 45. Mal stattfindet. Die zeitweilige Dominanz des Free Jazz ist freilich in den letzten Jahrzehnten einer umfassenden Präsentation verschiedenster aktueller Stilarten gewichen. Hier finden Sie Interviews mit ehemaligen Organisatoren dieses auch überregional bedeutenden Festivals, Fotos und weitere Archivalien zur Geschichte.

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Tanzlokale in Dresden, 1945 – 1959

Dresdner Tanzlokale von 1945 bis 1961 (openstreetmap, Simon Bretschneider)
Dresdner Tanzlokale von 1945 bis 1961 (openstreetmap, Simon Bretschneider)

Tanzlokale sind die Orte und Hotspots, an denen sich die Jugend traf und trifft, um sehen und gesehen zu werden. Und natürlich zu tanzen! Damals zu einer Musikkapelle oder Jukebox, heute meist zu einem DJ. Hier finden Sie eine vorläufige Auflistung aller Tanzlokale der Nachkriegszeit in Dresden.

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Tanzkapellen in Dresden, 1945 – 1959

Das Theo-Schumann-Quartett um 1960 (Fotograf unbekannt), Tanzkapellen in Dresden
Das Theo-Schumann-Quartett um 1960 (Fotograf unbekannt)

In der unten stehenden Tabelle finden Sie eine (vorläufige) Auflistung aller im Dresdner Stadtgebiet regelmäßig spielenden Tanzkapellen, für den Zeitraum von 1945 bis 1959. Es handelte sich bis zum jetzigen Kenntnisstand um 135 größere und kleinere Ensembles, die zum Großteil auch aus Dresden stammten.

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